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Bertel Thorvaldsen – ein Schüler, der zum Meister wurde

Im Jahr 1781 tritt der damals elfjährige Handwerkersohn Bertel Thorvaldsen (1770–1844) seine Ausbildung an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen an. Dort zeigt sich schon bald ein Talent, das ihn zu einem der Protagonisten des Goldenen Zeitalters in Dänemark, sowie dem bedeutendsten Bildhauer des europäischen Klassizismus neben Antonio Canova (1757–1822) machen wird. Doch kann oder sollte die Berühmtheit Thorvaldsens allein auf dessen Kunst dezimiert werden? Welche Bedeutung ist anderen Faktoren beizumessen? Schließlich hatte der Däne neben einem Talent Beziehungen zu einigen der einflussreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit zu knüpfen ebenfalls die ein oder andere Portion Glück.

Kopenhagen: die Wiege des Künstlers

Tatsächlich begann Letzteres ein knappes Jahrzehnt vor seiner Geburt, denn es hatte eine Gesetzesänderung in Dänemark gegeben, die es fortan auch Handwerkersöhnen erlaubte, eine Ausbildung an der Königlich Dänischen Kunstakademie zu erfahren. Ohne diese Möglichkeit wäre er, ebenso wie sein Vater, ein gewöhnlicher Holzschnitzer geworden. Doch das Schicksal hatte offenbar anderes mit ihm im Sinn, und so arbeitete sich der junge Thorvaldsen fleißig von einer schulischen Auszeichnung zur nächsten empor. Während 1793 die große Goldmedaille den Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn bezeichnete und ihm das dreijährige Reisestipendium nach Rom sicherte, ist der wahre Meilenstein viel früher zu sehen – war es doch die kleine Silbermedaille von 1781, die ihm das Tor zu den beiden bedeutendsten Künstlern der Akademie öffnete: den Professoren Johannes Wiedewelt (1731–1802) und Nicolai Abraham Abildgaard (1743–1809). Diese lehrten den Neoklassizismus und erkannten das Potenzial in dem jungen Bildhauerschüler früh. Sie förderten Thorvaldsen, jeder auf seine Weise: der Bildhauer Wiedewelt durch dessen winckelmannsch-inspirierten Texte, der Maler Abildgaard als direkter Mentor, dessen Einfluss sich in vielen der frühen Werke des Schülers wiederfindet.

Talent, nicht nur im künstlerischen Sinne

Da immer nur ein Stipendiat zur Zeit in Rom verweilen konnte, sollte es nach der Erlangung der Goldmedaille noch drei Jahre dauern, bis Thorvaldsen aufbrechen konnte. In der gängigen Literatur findet diese Zeit kaum Erwähnung. Dabei ist sie alles andere als bedeutungslos, wenn es darum geht, die darauffolgende Entwicklung Thorvaldsens zu verstehen. Anders, als es vielleicht zu erwarten wäre, stürzte sich der junge Bildhauer nicht sogleich in die Arbeit. Zwar schuf er erste Porträts für wohlhabende Bürger, doch einen Großteil seiner Zeit widmete er seinem zweiten, kommunikativen Talent: Er knüpfte Kontakte, sowohl mit potenziellen Auftraggebern als auch mit Intellektuellen und Künstlern – vornehmlich in der sogenannten Dramatisch-Literären Gesellschaft, eine Art Privatklub für Künstler und Kunstinteressierte. Dort fertigte der junge Thorvaldsen unter anderem Illustrationen für die Vereinsblätter an und erntete erste Anerkennung für seine Arbeiten.

Doch dieses kontaktfreudige Verhalten brachte ihm bereits in Dänemark Vorwürfe der Untätigkeit ein, was ihn jedoch nicht beeinflusste. Und so behielt er es auch nach seiner Ankunft in Rom, am 8. März 1797, bei. Dadurch verlor er viel Zeit und bezweckte die ein oder andere Abmahnung der Akademie – denn als Stipendiat musste er in regelmäßigen Abständen Werke vorlegen, die sein künstlerisches Fortschreiten dokumentierten. Letztlich sicherte er sich auf diese Weise jedoch einen Platz inmitten der höchsten Kreise der Kunstszene in Rom, von der er nur wenige Jahre später selbst eine der schillerndsten Persönlichkeiten sein sollte.

Georg Zoëga: der Archäologe hinter dem Bildhauer

An dieser Stelle ist es wichtig zu verstehen, dass Thorvaldsen bereits vor dem Reisestipendium auf eigenen Füßen stand. Obgleich sein Name noch keine großen Wellen schlug, war er in den dänischen Kreisen durchaus bekannt. Anders als oft behauptet, kann bei den frühen Romjahren also weder die Rede von einer plötzlichen Entdeckung des Bildhauers sein, noch von einem Durchbruch, der von heute auf morgen geschah. Unbeschwert von seiner Profession leben, hätte er aufgrund der politischen Verhältnisse in Dänemark jedoch nicht gekonnt, und so spielte Rom selbstverständlich eine bedeutende Rolle in seinem Leben. Wichtig, wenn nicht gar ausschlaggebend, dürfte der dänische Archäologe Georg Zoëga (1755–1809) gewesen sein, der sich aufgrund einer Empfehlung Thorvaldsens durch den Theologen Friedrich Münter, einem Mitglied der Kunstakademie, des jungen Bildhauers annahm. Aus seinen Briefen ist ersichtlich, dass Thorvaldsen bereits ein großer Meister seines Handwerks war. Allerdings mangelte es ihm offenbar an allem anderen, denn er sprach weder Italienisch noch Französisch und hatte von der römischen Geschichte ebenso wenig Ahnung wie von der Mythologie, deren Motive für die Kunst der damaligen Zeit unabdingbar waren. Trotz seiner Erschütterung darüber, in welch rohem Zustand die Kunstakademie den Stipendiaten nach Rom schickte, nahm sich der Archäologe viel Zeit für seinen jungen Schützling, versah ihn mit Büchern, Ratschlägen und vielen wichtigen Kontakten, die ihm über alle Maßen zu Gute kamen.

Thorvaldsen und die Frauen

Skulptur des Jason
Skulptur des Jason im Thorvaldsens Museum Kopenhagen. Daderot, CC0, via Wikimedia Commons

Neben den Beziehungen zu seinen männlichen Kollegen und Mentoren, spielten auch die Frauen eine elementare Rolle in Thorvaldsens Leben. Denn jene, die keine Romanzen waren – Thorvaldsen blieb bis an sein Lebensende Junggeselle – hatten mitunter einen bedeutenden Einfluss auf seinen künstlerischen Werdegang. Allen voran ist hier die dänische Schriftstellerin Friederike Brun (1765–1835) zu nennen, die 1802-3 in Rom verweilte und die Entstehung des Erstlingswerks – den Jason mit dem Goldenen Vlies – von Anfang an verfolgte. Während allgemeinhin der Verkauf der Skulptur an den britischen Architekten Thomas Hope (1769–1831) im Jahr 1803 als finanzielle Rettung Thorvaldsens und als Garant für das Verbleiben in Rom nach Ablauf des Reisestipendiums angesehen wird, machte Brun dies durch die Finanzierung eines Gipsabgusses des Prototypen (welcher damals im vergänglichen Material Ton hergestellt wurde) erst möglich. Der deutsche Kunsttheoretiker Carl Ludwig Fernow (1763–1808) brachte die Bedeutung dessen in einem an die Schriftstellerin gerichteten Brief zur Geltung, in dem er schrieb: «Sie haben mit Ihrer Hilfe, geleistet im rechten Augenblick, der Kunst in Rom einen ihrer würdigsten Jünger bewahrt». Deutlich hervor tritt hier ebenfalls, welches Potenzial man in Künstlerkreisen bereits in den frühen Romjahren in Thorvaldsen sah.

Es sollte ebenfalls Friederike Brun sein, die Thorvaldsen mit Wilhelm und Caronline von Humboldt bekannt machte, die ihn wiederum in die deutschen Kunstkennerkreise implementierten. Jahre später sollte Caroline von Humboldt in einem ihrer Briefe Ausdruck über die Idolisierung Thorvaldsens verlieren, indem sie festhielt, dass «Thorvaldsen als Künstler zu einem Gott geworden sei, den sie ohne Zweifel als bedeutendsten Bildhauer nach Michelangelo und Donatello einstufte.» Eine Sichtweise, die sie mit vielen ihrer Zeitgenossen teilte und die Thorvaldsen schlussendlich die Bezeichnung des «Dänischen Phidias» einbrachte.

Canova: Vorbild und Kontrahent

Trotz der beinahe augenblicklichen Unterstützung durch Gelehrte und Kunstkenner in Rom, befand sich Thorvaldsen in den frühen Romjahren in einer ungünstigen Lage. Die Napoleonischen Kriege hatten 1796 Italien erreicht und ein Großteil jener antiken Werke, die er zu studieren gekommen war, befanden sich in Kisten verpackt oder bereits auf dem Weg nach Paris. Zudem gab es eine große Konkurrenz, die wiederum gänzlich überschattet war von dem Wirken und den Werken eines Mannes: Antonio Canova – dem bis dahin unangefochtenen Meister des Italienischen Klassizismus. Allem Anschein nach begegneten sich die beiden Männer nicht ein einziges Mal. Getrennt lassen sie sich dennoch nicht behandeln, denn Canova hatte auf vielfältige Weise Einfluss auf den jungen Bildhauerkollegen, den er von Anfang an schätzte und lobte. Betrachtet man die häufige motivische Überlappung der beiden Künstler, wird schnell deutlich, dass Thorvaldsen sich an dem alten Meister zu orientieren, aber auch zu messen versuchte. Dies mag überraschend erscheinen, sind die beiden Männer doch aus der späteren Literatur hauptsächlich als Kontrahenten bekannt. Doch auf einen zweiten Blick wird deutlich, dass sie sich ähnlicher waren, als zunächst gedacht. Beide setzten in Rom Maßstäbe, die für den Klassizismus ausschlaggebend wurden. Sie scharten Anhänger um sich, die sie über alle Maßen priesen, und bauten Werkstätten auf, um die hohen Anfragen bewältigen zu können. Obgleich die kritische Haltung Thorvaldsens gegenüber Canova bekannt ist, denn daraus machte er keinen Hehl, ist dem älteren Bildhauer die Rolle als Vorreiter und Vorbild nicht abzustreiten. Und auch die später häufig angedeutete Konkurrenz zwischen den beiden scheint fraglich. Schließlich hatte bereits der damalige Kunstmarkt Platz für zwei große Künstler.

Schlussbemerkung

Thorvaldsen sollte erst 1838 in sein Heimatland zurückkehren – gefeiert, geliebt und am gesellschaftlichen Gipfel seiner Zeit angekommen. In den vergangenen Jahrzehnten hatte er sowohl für Bürgerliche als auch für Adelige gearbeitet, für Könige und sogar den Papst. Das tatsächliche Geheimnis seines Erfolges wird nur er gekannt haben. Nach der Auseinandersetzung mit seinem Werdegang und einigen der vielen Persönlichkeiten, die er im Laufe seines Lebens kennenlernte, lassen sich jedoch zumindest Vermutungen darüber anstellen, was seinen außergewöhnlichen Aufstieg erklären könnte.

Als Künstler arbeitete er für alle – schreckte nicht einmal vor politischen Aufträgen zurück. Dabei behandelte er jeden gleich, was ihm Gunst und Respekt einbrachte. Sich selbst und seinem Wirken gegenüber blieb er stets kritisch eingestellt, genoss das Rampenlicht und sah sich doch niemals als vollendet an. Er war ein Ausnahmetalent, das dennoch bescheiden und offen für Anregungen und Kritik blieb und wusste sich gleichzeitig durchzusetzen, wenn es darauf ankam.

Am Ende starb er, wie er gelebt hatte: umgeben von Kunst, während der Ouvertüre der Prämiere von Friedrich Halms Drama »Griseldis« im Königlichen Theater. Bis heute findet er seine letzte Ruhe auf dieselbe Weise, im Innenhof des ihm zu Ehren errichteten Thorvaldsens Museum im Zentrum von Kopenhagen.

Thorvaldsens Grab im Innenhof des Thorvaldsens Museum
Thorvaldsens Grab im Innenhof des Museums. Gunnar Bach Pedersen, Public domain, via Wikimedia Commons

Dieser Beitrag ist auch in der ANTIKE WELT 5/16 publiziert

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