Das Pompeii Touch Project realisierte mit nicht mehr als 1500 € eine App, die einzigartige Einblicke in das archäologische Wissen rund um die antike Stadt Pompeji möglich macht. Von dem Kauf der Pompeii Touch App profitierten nicht nur die Nutzer, sondern auch das Projekt selbst, denn es wächst dank der Nutzerunterstützung stetig weiter. © Pompeii Touch

Reise zwischen Ruinen und Rekonstruktionen: die Pompeii Touch App

Wie sah das antike Pompeji vor seiner Zerstörung durch den Vesuvausbruch im Jahr 79 aus? Inmitten der unzähligen Ruinen und Straßen fehlt neben der Orientierung oftmals auch eine klare Vorstellung von dem, was einst war. Seit 2014 gibt es die Pompeii Touch App, die Abhilfe bei diesbezüglichen Fragen schaffen soll. Für Euch habe ich sie mir einmal ganz genau angeschaut.

GPS und fertig – los!

Ganz gleich, von welcher Himmelsrichtung aus man Pompeji betritt, der interaktive Stadtgrundriss (Pianta) zeigt an, wo man sich genau befindet. Neben den Straßennamen und modernen Sanitäranlagen sind alle wichtigen Gebäude der Stadt farblich hervorgehoben. Demzufolge erscheinen die öffentlichen Gebäude ROT, die reichen Einfamilienhäuser (Domus) GELB, die Bäder BLAU und die kommerziellen Gebäude GRÜN. Per Fingerklick lässt sich markieren, was bereits besichtigt wurde und es besteht die Möglichkeit ausgewählte Bereiche zu vergrößern, um die Straßennamen besser lesen zu können. Die Navigation ist also überaus einfach gestrickt und somit für Groß und Klein bestens geeignet.

© Pompeii Touch Project
Mit dem interaktiven Stadtgrundriss hat man stets alles im Blick. Bereits besuchte Orte werden durch einen Fingerklick weiß, was in einer so großen Sehenswürdigkeit wie der Stadtruine von Pompeji überuas hilfreich sein kann. © Pompeii Touch

Vor der Ruine – in die Rekonstruktion

Bislang konnten 14 Stadtstrukturen in die Pompeii Touch App implementiert werden. (Weitere sollen folgen). Neben der wichtigsten Hauptverkehrsstraße – der Via dell‘ Abondanza – zählen unter anderem das Forum, mehrere Bäder, das Amphitheater und einige der reichen Einfamilienhäuser dazu. Um Näheres zu erfahren, wählt man einfach das gewünschte Objekt auf der Startseite aus und gelangt zunächst zu einer virtuellen Ruinenansicht. Per Klick lässt sich die komplette Rekonstruktion hervorrufen, welche in Zusammenarbeit mit Archäologen und Historikern erstellt wurde. Zu sehen ist also der derzeitige Wissensstand der Forschung und nicht die x-beliebige wilde Spielerei eines Grafikers. Der ungeheure Vorteil dieser Art der Rekonstruktion liegt auf der Hand: sollten die Archäologen neue Erkenntnisse erlangen, sind diese virtuell schnell umsetzbar und es entsteht kein baulicher Eingriff in den antiken Strukturen.

© Pompeii Touch Project
Das Projekt zeichnet sich insbesondere durch die enge Zusammenarbeit mit Archäologen und Historikern aus, ohne die eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion nicht realisierbar wäre. © Pompeii Touch

Navigation und visuelle Effekte

Wem dieser Wechsel zwischen Ruine und Rekonstruktion zu schnell vonstattengeht, sind in der Navigationszeile im oberen Bildschirmrand weitere Möglichkeiten gegeben. Zum einen kann über den 50/50-Button eine Teilrekonstruktion einzelner Bereiche erzielt werden. Im Bild zeigen sich also sowohl Ruinenstrukturen als auch rekonstruierte Bereiche. Was als Rekonstruktion angezeigt werden soll und was nicht liegt im Ermessen des App-Nutzers, denn per Fingerklick kann explizit zwischen zwei Möglichkeiten gewählt werden.

© Pompeii Touch Project
Deutlich zu sehen sind hier die Rekonstruktion des Apollontempels im Hintergrund und die Belassung der Ruinensäulen im Vordergrund. © Pompeii Touch
Zusatzoption: Wischtechnik

Doch es geht auch weitaus individueller. Über den Radiergummi-Button ist man an keine Vorprogrammierungen gebunden. Das Ruinenbild kann gänzlich nach Lust und Laune erforscht werden, und zwar per Fingerwischen. Auf diese Weise können die kleinsten Teilbereiche der Rekonstruktion zum Vorschein gebracht werden und es entsteht eine sehr genaue Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt und dem antiken Stadtbild. Der einzige Nachteil dieser Option: Ist erst einmal ein Bereich freigewischt, kann man die Ruine nicht wieder hervorwischen. Um diese abermals zum Vorschein zu holen, muss man auf eine der anderen Ansichten wechseln und dann wieder zurück in die Radier-Ansicht. Zudem wird das bislang Gewischte auch nicht gespeichert – es sei denn, man nutzt die im unteren rechten Bildrand gegebene Sendefunktion per Facebook, Instagram oder Twitter. Man muss oder kann also so oft mit dem Wischen von vorne beginnen, wie gewünscht.

© Pompeii Touch Project
Die Wischfunktion dürfte nicht nur für Kinder interessant sein, schließlich ermöglicht sie eine überaus individuelle Auseinandersetzung mit der betreffenden Ruine. © Pompeii Touch
3-D-Visualisierung

Da es sich bei all diesen Optionen um Teilansichten handelt, besteht zudem die Möglichkeit einer 3-D-Ansicht des Gesamtkomplexes. Dieser erscheint auf dem Städtegrundriss und ist über eine Wischbewegung, die von links nach rechts zu erfolgen hat, näher zu betrachten. In der herangezoomten Version der 3-D-Ansicht werden auch Beschriftungen angezeigt, die beispielsweise Straßennamen einblenden, umliegende Gebäude betiteln oder auch ausgewählte Strukturen des gerade ausgewählten Gebäudes benennen.

© Pompeii Touch Project
Zwar gibt es bei der 3-D-Ansicht nicht so viele individuelle Möglichkeiten wie bei der Wischfunktion, doch das Resultat kann sich durchaus sehen lassen. Hier fallen erst alle Puzzleteile in ein großes Ganzes – im Sinne des betreffenden Gebäudes aber auch im Verhältnis zur Stadtstruktur. © Pompeii Touch
Weitere Optionen

Wer darüber hinaus noch weitere Informationen über die jeweiligen Gebäude oder Straßen wünscht, kann über den Info-Button eine Kurzzusammenfassung aufrufen. Derzeit sind diese in englischer oder italienischer Sprache abrufbar.

Und wem es bei all diesen Möglichkeiten noch immer nicht bunt genug ist, steht der Personen-Button zur Verfügung. Durch diesen lässt sich in den kompletten Rekonstruktionsmodus inklusive Protagonisten schalten. Doch auch hier wurde Sorge getragen, so detailgetreu wie möglich zu bleiben. Wer sich also nicht nur für die städtischen Gebäude interessiert, sondern auch für die Menschen, die dort einst lebten, kann sich dieser Option sicherlich erfreuen und erfahren, was die Römer wann am Körper trugen.

Auch offline von zu Hause aus

Obwohl die Pompeii Touch App mit Sicherheit direkt vor Ort den größten Spaß bereitet, ist sie keinesfalls von einer Reise nach Pompeji abhängig. Die oben genannte GPS Funktion ist vorhanden, muss aber nicht angeschaltet sein, denn alle Informationen sind offline abrufbar – vollkommen unabhängig davon, ob man gerade durch die Straßen der antiken Stadtruine schlendert oder zu Hause auf dem Sofa sitzt. Dies ist ein großer Vorteil, nicht nur für Privatpersonen, sondern auch und insbesondere für Bildungseinrichtungen. Denn auf diese Weise ist sowohl eine Vor- als auch die Nachbereitung eines Pompeji Besuchs möglich oder aber ein Blick in eine Stadt, die man derzeit aus welchen Gründen auch immer, nicht besuchen kann.

Wer sich unsicher ist, ob die App den eigenen ansprüchen entspricht, kann sich im Vorfeld dieses Video zur Pompeii Touch App ansehen. Dort wird noch einmal ganz genau gezeigt, welche Funktionen es gibt, wie es geht und was zu erwarten ist.

 © Pompeii Touch


Fazit

Ebenso wie bei der Archäo-App handelt es sich bei der Pompeii Touch App um ein Vermittlungsprojekt mit dem Potenzial zur Nachhaltigkeit. Während ein Führungsreferent oder ein Audioguide den Besuchern vor Ort ungeheuer nützlich sein können, bieten Apps wie diese die Möglichkeit sich eingehend und im eigenen Tempo mit dem zu befassen, was interessiert oder nicht richtig verstanden wurde. Insbesondere an einem Ort wie Pompeji ist die Option einer Vor- und einer Nachbereitung überaus wichtig, denn es ist schlicht unmöglich all das zu fassen und zu verinnerlichen, was einen in dem Moment vor Ort umgibt.

Die Bedienung gestaltet sich als überaus benutzerfreundlich, wodurch die App für Nutzer unterschiedlichster Altersgruppen zugänglich ist. Zudem ist die GPS-Option nach Wahl ein nützliches Hilfsmittel für jene, die es brauchen. Es ist unübersehbar, dass bei der Entwicklung dieser App großer Wert auf die individuellen Bedürfnisse der unterschiedlichsten Nutzer gelegt worden ist – eine Sache, die ich sehr schätze.

Positiv werte ich ebenfalls die Ankündigung, dass die Pompeii Touch App in den kommenden Jahren wachsen soll. Auf diese Weise lohnt sich der Kauf, und dieser ist Voraussetzung um die App überhaupt nutzen zu können, erst recht. (Kostenpunkt: 2.99 € im App Store, 2,92 €  für Android und 2,99 € im Microsoft Store). Persönlich erachte ich die Kosten als relativ gering – schließlich zahlt man in den europäischen Kunst- und Kulturinstitutionen gut und gerne um die 4 € für Audioguides, die am Ende nicht mit nach Hause genommen werden können.

Der einzige Nachteil

Ebenso wie bei der Archäo-App ist auch die Pompeii Touch App sprachlich ausbaubar. Zwar kann sie ohne weitere Sprachkenntnisse genutzt werden, denn das Nachlesen ist kein Muss, sondern ein Kann. Doch ich bin mir sicher, dass viele Nutzer von einer sprachlichen Ausweitung profitieren würden. Zudem fände ich es gut, wenn man von den einzelnen Bildern auf die Stadtkarte und von der Karte direkt zu den Rekonstruktionen gelangen könnte, statt dies immer über das Startmenü einleiten zu müssen. Aber dies sind keine dramatischen Mankos.

Persönlich habe ich einen sehr guten Eindruck von der Pompeii Touch App und kann jedem, der sich für Pompeji interessiert oder sogar einmal dorthin reisen will, nur empfehlen, dieses Angebot nicht ungenutzt zu lassen.


Wissenswertes

Die Stadtruinen des antiken Pompeji werden jährlich von rund zwei Millionen Menschen besucht. Tag täglich kämpfen aber auch Archäologen, Restauratoren und Bauforscher gegen den Verfall der Stadt, die sich auf einer Fläche von 44 Hektar erstreckt (ausgegrabene Fläche) und somit die größte bekannte zusammenhängende Stadtruine der Welt ist. Aus diesem Grund sind längst nicht alle Gebiete für die Öffentlichkeit zugänglich. Mit derartigen Behinderungen ist deshalb immer zu rechnen, was allerdings kein Grund für schlechte Laune sein sollte, denn der Schutz des UNESCO Weltkulturerbes steht nunmal an erster Stelle.

Projekte wie die Pompeii Touch App können dabei helfen, den notwendigen Schutz unserer Kulturstätten zu unterstützen.

Weitere Informationen über das Pompeii Touch Projekt und Links zum Download der App findet ihr hier.

Zudem gibt es eine Facebook-Seite mit vielen weiteren Informationen und Bildern rund um Pompeii Touch.

Wer mehr über die Probleme der Stadtruine erfahren möchte, kann dies beispielsweise hier tun:

Der zweite Untergang

Wissenschaftler wollen Verfall von Pompeji stoppen

Mangelhafte Restaurierung: Der zweite Untergang von Pompeji

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