Die rechte Hand der dänischen Moorleiche Grauballe manden, entdeckt 1952. By Sven Rosborn (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

readTicker(2.9): Ist die würdevolle Wiederbestattung eine Illusion?

Gelesen wird: Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen, Hg. Deutscher Museumsbund e.V. (2013)


Die Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen haben vor allem eines gezeigt: Es gibt viele Fragen, deren Antworten nur schwer zu erfassen sind. Wo die erforderlichen Gesetze fehlen – und das ist öfter der Fall, als es vielleicht zu erwarten gewesen wäre – muss deshalb die Ethik herangezogen werden. Doch auch dies klingt erheblich unproblematischer, als es ist. Denn was ist Ethik und welche Grundsätze greifen, wenn verschiedene Kulturen, Religionen und Wertevorstellungen aufeinanderprallen?

Im letzten Teil dieses readTickers widme ich mich deshalb einer Frage, die sich mir stellte, als ich Folgendes las:

»Wie sollte verfahren werden, wenn die menschlichen Überreste eindeutig einem Unrechtskontext zuzuordnen sind, eine Rückgabe an direkte Nachfahren oder die Herkunftsgesellschaft aber nicht möglich ist? – Derartige menschliche Überreste sollten würdig bestattet werden«.

 

Aber was ist eine würdige Bestattung?

Können und dürfen menschliche Überreste, die nachweislich aus ehemaligen Kolonialgebieten stammen, christlich bestattet werden? Vielleicht sind die betreffenden Länder heute vornehmlich christlich geprägt, aber waren sie dies bereits, bevor sie zu Kolonien w Iurden? Wohl kaum. Vielleicht empfand die Person, um deren Überreste es geht, das Christentum sogar als Bedrohung, Sünde oder fasste es anderweitig negativ auf. Ist eine Wiederbestattung nach christlichen Standards also überhaupt vertretbar, selbst wenn diese in dem Herkunftsland vollzogen wird?

Können und dürfen die Skelette von Angehörigen polytheistischer Religionen (also von Religionen mit mehreren Göttern) auf dem Friedhof einer monotheistischen Religion (Religionen mit nur einem Gott) bestattet werden? Welche Würde ist in einem solchen Fall würdevoller? Die respektvolle Aufbewahrung in einem Museum oder die Bestattung nach Bräuchen, die der betreffenden Person unbekannt waren oder schlimmer noch, ihr widerstrebten?

Wer sollte über die Art der Bestattung entscheiden?

Angenommen ein menschlicher Überrest in der Sammlung eines Museums stammt nachweislich aus dem sogenannten Unrechtskontext – ist also entgegen des ausdrücklichen Wunsches des Verstorbenen dorthin gelangt – und es gibt weder Nachkommen noch ein Herkunftsland: Wer sollte entscheiden, wie der Tote bestattet werden soll?

Die Museumsleitung?

Das Landesamt für Archäologie?

Die Landesregierung des Landes, in dem sich der Tote derzeit befindet?

Persönlich finde ich die Frage der Bestattung oder auch der Wiederbestattung überaus schwierig. Denn wenn der Wunsch, der Wille und die Religion des Verstorbenen unbekannt sind, stellt sich mir die Frage, ob eine Bestattung/Wiederbestattung den Betroffenen heute (bspw. den Museen und Sammlungen) mehr Ruhe und Frieden gibt, als dem Verstorbenen selbst. Womit tun wir einem Menschen, der vor hunderten oder gar tausenden von Jahren starb und unrechtmäßig in ein Museum oder eine Sammlung gelangte mehr Unrecht? Mit dem Verbleib in der Sammlung oder einer Bestattung nach Standards, die diese Person nicht nur befremdlich, sondern im schlimmsten Fall schändlich auffasste?

Glücklicherweise lassen sich in den meisten Fällen jedoch Angehörige oder zumindest ein Herkunftsland feststellen. Ob dadurch aber automatisch alle Probleme einer Wiederbestattung behoben werden können, bleibt meiner Ansicht nach dennoch fraglich.

Was meint ihr?


Ein letztes Wort zu diesem readTicker

Die Empfehlungen zum Umhang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen waren eine außerordentliche Herausforderung. Sie konfrontierten uns mit Fragen und Realitäten, die oftmals alles andere als leicht zu begreifen oder auch zu akzeptieren waren und sind.

Der Mensch ist nach seinem Tod eine Sache, die besessen werden kann, so wie ein antiker Stuhl oder eine Marmorskulptur. Gesetze Fehlen, die Ethik stößt an ihre Grenzen und irgendwo inmitten all der Fragen stehen nicht nur die Museen und Sammlungen, sondern letztlich auch wir – die Besucher und Menschen von heute.


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