"Honthorst Roodere" by Gerard van Honthorst

readTicker: Art as Therapy (2)

Gelesen wird: Art as Therapy, von Alain de Botton und Lewis Armstrong (London, 2013)

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Sieben Gaben der Kunst

Wozu dient uns die Kunst?

Was kann sie uns geben?

Selten stellen wir uns diese Fragen, denn es geht uns vorrangig um das Erleben von Meisterwerken und darum, etwas Besonderes gesehen zu haben. Das zumindest lassen die Menschenmassen vor Werken wie der Mona Lisa, der Nofretete oder der Nachtwache vermuten. Was aber, wenn wir uns – nur für den Augenblick – von diesem Muster lösen und uns tatsächlich einmal damit auseinandersetzen, was Kunst für uns bedeutet, was sie mit uns macht? Erst, wenn wir damit beginnen, Kunst aus einem für uns ungewohnten Blickwinkel zu betrachten, wird deutlich, wie facettenreich sie tatsächlich ist. Sie gibt und hilft uns mit der:

 

Erinnerung

»Gute Kunst reduziert auf das, was wirklich wichtig ist!«

Es gibt wohl kaum etwas, das uns so sehr am Herzen liegt, wie das Festhalten und Erinnern an längst vergangene Zeiten. Wäre dem nicht so, gäbe es auch keine Museen. Denn in ihnen finden wir immer ein Abbild des Gewesenen, ganz gleich, ob es ein Besuch bei Oldtimern im Technikmuseum ist oder ein Wandeln entlang der Porträts ehemaliger Könige.

Auf der Privaten Ebene fotografieren wir uns und unsere Lieben, wann immer es geht und erhalten somit einen jeden Moment, der niemals wiederkehren wird. Auf der öffentlichen Ebene stellen wir aus, wodurch wir unsere (oder eine andere) Kultur definieren. Nicht selten vergessen wir, dass sich hinter den meisten Kunstwerken mehr als nur ein berühmter Künstler verbirgt.

"Honthorst Roodere" by Gerard van Honthorst
„Honthorst Roodere“ by Gerard van Honthorst

 

 

Hoffnung

»Kunst kann uns dabei helfen das Gute zu erkennen, um damit besser durch die Schwierigkeiten des Lebens zu gehen!«

Das Leben ist niemals perfekt. Wir alle suchen nach etwas, das uns fehlt und wünschten, etwas wäre anders. Für den einen mag es der unkrautfreie Garten sein, für den anderen das Finden der wahren Liebe. Insbesondere Gemälde vermögen es, unsere Wirklichkeit zu idealisieren. Viele von ihnen sind so schön, dass sie den Betrachter in ihre Traumwelt entziehen, fernab von der tosenden Außenwelt und sie lassen uns hoffen, dass auch wir eines Tages das Abgebildete erreichen.

Pierre-Auguste Renoir - In the Garden
Pierre-Auguste Renoir – In the Garden

 

Trauer

»Ignoriert nicht eure Trauer – schmeißt sie nicht einfach fort!«

Die Trauer ist Teil des Lebens und auch in der Kunst ist sie weit verbreitet. Viele Werke sind dazu im Stande, traurige Gefühle in uns hervorzurufen. Dadurch konfrontieren sie uns mit unseren schlimmsten Erlebnissen und können dabei helfen, diese zu überwinden. Diese Fähigkeit ist eine außergewöhnliche Gabe, die nicht nur in der bildenden Kunst zu Hause ist, sondern auch im musikalischen Bereich großen Anklang findet.

Musée Picardie Beaux-arts 18
Musée Picardie Beaux-arts 18

 

Ausgeglichenheit

»Unser Geschmack weist auf das hin, was uns fehlt!«

Aus psychologischer Sicht reagieren wir besonders auf das Gegenteil von dem, was wir bereits besitzen. Leben wir beispielsweise in einer lauten Metropole, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass uns jene Werke besonders anziehen, die eine ländliche Idylle oder andere Aspekte von Ruhe widerspiegeln. Diesbezüglich argumentierte auch Friedrich Schiller im Jahr 1796, dass es der griechischen Kunst an Landschaftsabbildungen fehle, weil diese noch mit der Natur lebten und sich deshalb nicht danach sehnten. Dieser Umstand ermöglicht es uns, durch Kunst eine innere Balance zu finden. Die Art des Werkes, das uns den Weg zur Ausgeglichenheit bereiten kann, richtet sich logischerweise nach den Voraussetzungen jedes einzelnen Betrachters.

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Selbstverständnis

»Wir alle haben Stimmungslagen, die wir nicht wirklich kennen!«

Es liegt in der Macht von Kunstwerken, uns zum Weinen zu bringen. Nicht, weil sie uns traurig machen, sondern weil sie uns in unserem tiefsten Innersten berühren. Wir erkennen uns (oder eine Seite von uns) darin wieder und fühlen uns berührt. Lassen wir diese Gefühle zu, können sie uns dabei helfen, uns selbst ein Stückchen besser kennenzulernen. Diese Gabe der Kunst ist, ebenso wie die Hilfe zur Ausgeglichenheit, sehr individuell und kann von Person zu Person durch ein vollkommen anderes Werk ausgelöst werden.

 

Entfaltung

»Bezüglich unserem Verhältnis zu Kunstwerken, ist eine unserer geheimsten und am wenigsten anerkannten Eigenschaften, dass wir uns beim Betrachten vieler Meisterwerke etwas fürchten, uns langweilen oder gar beides auf einmal tun !«

Dürfen wir Werke wie die Mona Lisa, die Nofretete oder die Nachtwache nicht schön oder gar langweilig finden? Ja! Aber wir bevorzugen es, solche Gedanken für uns zu behalten – zumindest, bis wir die heiligen Hallen des Museums verlassen haben. Aber warum ist das so und was können wir daraus lernen? Tatsächlich kann es dafür vielerlei Gründe geben. Etwas daraus lernen können wir aber nur, wenn wir uns den Gedanken vor Ort stellen und offener mit dem Gefühl der inneren Ablehnung gegen ein bestimmtes Werk umgehen. Familien mit Kindern haben es in diesem Fall leichter, denn diese scheuen sich nicht davor, so manch naive Frage zu stellen. Sich auf das eigene, innere Kind zu besinnen, während man ein Museum besucht, kann diesbezüglich wahre Wunder wirken. Sich mit Kunst zu befassen, die man auf Anhieb nicht leiden kann, bedeutet, sich aus seiner Komfortzone zu befreien und an seinen Erfahrungen zu wachsen.

 

Wertschätzung

»Eines unserer Hauptprobleme liegt darin, dass es uns schwerfällt, das zu sehen, was wir bereits besitzen!«

Der Mensch ist und bleibt ein Gewohnheitstier. Wir gewöhnen uns an alles und beginnen schnell, uns zu langweilen. Insbesondere in unserer von den Medien dominierten Welt kann es schwerfallen, sich über das zu freuen, was vor uns liegt. Viel lieber hätten wir doch das scheinbar sorgenfreie Leben der Stars und Sternchen. Die Kunst kann uns dabei helfen, uns vor Augen zu führen, was direkt vor uns liegt, was von Wert ist und das wir schätzen sollten, was wir bereits haben, statt uns nach Dingen zu sehen, die wir lieber hätten.

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Was meint ihr?
Habt ihr euch darüber überhaupt schon einmal Gedanken gemacht?
Welche Kunstwerke bewirken oder helfen euch bei der Erinnerung, Hoffnung, Trauer, Ausgeglichenheit, Selbstverständnis, Entfaltung oder Wertschätzung?
Auf eure Gedanken, Meinungen und Fragen bin ich sehr gespannt!

 


Quellen:

Beitragsbild:Honthorst Roodere“ by Gerard van Honthorst[1]. Licensed under Public Domain via Wikimedia Commons.

Hoffnung:Pierre-Auguste Renoir – In the Garden“ von Pierre-Auguste Renoirhttp://www.arthermitage.org/Pierre-Auguste-Renoir/In-the-Garden.html. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Trauer:Musée Picardie Beaux-arts 18“ von VassilEigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Ausgeglichenheit:Moulin au Hameau de la Reine (1)“ by StarusOwn work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Wertschätzung: Columbano Bordalo Pinheiro [Public domain], via Wikimedia Commons

2 Gedanken zu „readTicker: Art as Therapy (2)

  1. Die Frage ist, ob diese sieben Gaben der Kunst wirklich ausreichen? Meiner Meinung nach geht Kunst über diese Gaben hinaus und wie schon im letzten Teil erwähnt, kann man Kunst auch als Werkzeug verstehen.
    Ein Kunstwerk z.B. in den Raum zu hängen, kann auch nur die Funktion haben Macht und Einschüchterung oder auch Bewunderung beim Gegenüber zu erzeugen. Somit bekommt Kunst im Zusammenhang mit dem Besitzer und Ort wieder eine weitere Gabe und Funktion.

    1. Natürlich reichen diese sieben Gaben der Kunst nicht aus! Deshalb sind es ja auch „sieben Gaben“ und nicht „die sieben Gaben“. 😉
      Infolge der Autoren des Buches sind es allerdings die sieben häufigsten oder auch augenscheinlichsten. Welche Gabe ein Werk letzen Endes besitzt, richtet sich also vollkommen nach der jeweiligen Person, die es betrachtet.
      Inwiefern der Ort zusätzliche Gaben beisteuern kann, ist ein sehr interessanter Ansatz! Sehr oft sind Ort und Kunstwerk sogar so eng mit einander verbunden, dass sie nicht mehr zu trennen sind.

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