Rainer Sturm / pixelio.de

readTicker: Art as Therapy (5)

Gelesen wird: Art as Therapy, von Alain de Botton und Lewis Armstrong (London, 2013)

 

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Wie sollten wir Kunst studieren?

»Was meinte Albrecht Dürer mit dem „nackett pild“ und wie repräsentierte der Künstler seinen eigenen Körper? Auf welcher Grundlage warf ein Kritiker des 19. Jahrhunderts einem Porträt Jean-Auguste-Dominique Ingres‘ vor, der „rechte Arm“ der Dargestellten gleiche „ein[em] aufgeblasene[n] Darm“?.« (Ein Auszug aus dem WiSe 14/15: Körper-Bilder von Dürer bis Ingres der FU Berlin.)

Wir scheinen zu glauben, dass Kunst Anerkennung und ein gewisses Maß an Einsatz erfordert, um ihr ihre tief verborgenen Geheimnisse zu entlocken. Wir fragen uns, was die Kunstwerke einst für ihren Erschaffer bedeuteten und sind stets bemüht herauszufinden, welche Sichtweise dieser auf die Geschehnisse und Probleme seiner Zeit vertrat.

Ja, genau genommen scheinen wir geradezu automatisch zu sagen: »Ich kenne deine Einstellung zu den wichtigen Themen deiner Zeit nicht und will dem entgegenwirken, damit ich dich und dein Werk besser verstehe.«

Tatsächlich aber begegnen wir den Kunstwerken durch eben diese Herangehensweise unpersönlich und distanziert. Denn wir vermeiden geschickt die Frage, was das Werk für uns bedeutet. Und auch die Auseinandersetzung mit den Gemeinsamkeiten, die wir mit dem Künstler haben könnten – ob nun auf privater, gesellschaftlicher oder einer völlig anderen Ebene – tritt dadurch in den Hintergrund.

Wie wichtig ist es zu wissen, in welchem Jahr bzw. Zeitraum ein Kunstwerk entstanden ist?

Warum fragen wir uns überhaupt, was der Künstler damit meinte?

Ist das Wissen darüber tatsächlich von Bedeutung, um ein Werk zu verstehen?

Beschreibungen zu Kunstwerken strotzen vor beeindruckenden Informationen und lassen verlauten, dass sich die Gelehrten eingehend mit etwaigen Hintergründen auseinandergesetzt haben. Verfehlen wir durch diese Herangehensweise aber das eigentliche Ziel?

Die Autoren des Buches vertreten die Meinung, dass es beim Studium jeglicher Kunst weniger um die kunsthistorischen Aspekte gehen sollte. Sie schlagen vor, dass die Kunstwissenschaftler:

  • auf die psychologischen Eigenschaften eines Werkes achten sollten.
  • analysieren sollten, auf welche Weise Kunst dem Betrachter bei der Überwindung eines gebrochenen Herzens, einer Trauersituation oder einem anderen emotionalen Zustand helfen kann.
  • herausstellen sollten, welche Perspektiven und Lösungen Kunst dem Betrachter aufzeigt, um sich selbst besser zu verstehen.

Sie befürworten eine menschlichere Herangehensweise, die weniger sachliche Fragestellungen beinhaltet und sich auf das konzentriert, was den jeweiligen Betrachter fördert. Ihrer Ansicht nach verfehlen wir mit unseren wissenschaftlichen Fragen das eigentliche Ziel der Kunst, das viel eher in einer persönlichen Berührung zu finden ist.

Wie wissenschaftlich sollten wir Kunst also studieren?

Und wie viel Persönlichkeit können wir uns dabei erlauben, um es überhaupt noch als ein Studium bezeichnen zu können?

Ist und bleibt die Antwort darauf Ansichtssache?


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