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readTicker (2.5): Die Bipolaritäts-Aufgabe

Gelesen wird: Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen, Hg. Deutscher Museumsbund e.V. (2013)


Wie lassen sich die Lebenswelt der Betroffenen und jene der Forscher und Sammler auf angemessene Weise würdigen?

Es ist wahrlich eine schwierige Aufgabe, vor der sich die europäischen Museen unserer Zeit befinden. Denn es geht vor allem um eines – Aufklärung!

  • Was befindet sich in unserem Besitz?
  • Wie ist es dorthin gelangt?
  • Wem ist bei der Sammlungszusammenstellung ggf. Unrecht widerfahren?

Fragen wie diese klingen erheblich einfacher, als sie tatsächlich zu beantworten sind. Immerhin blicken wir heute auf eine jahrhundertelange Tradition des Zusammentragens für museale Zwecke zurück und die Dokumentation war über lange Zeit alles andere als gut oder gar vorhanden.

Immer häufiger werden deshalb Rückforderungen laut. Prominente Vertreter wie die Nofretete oder die Elgin Marbles machen damit sogar regelmäßig Schlagzeilen. Weniger bekannt und doch zunehmend sind die Rückforderungen menschlicher Überreste von indigenen Bevölkerungsgruppen oder deren rechtlichen Repräsentanten. Dabei geht es meist um den Wunsch einer Wiederbestattung, aber auch der Wunsch, die betreffenden menschlichen Überreste wieder rituell nutzen zu können. (Die öffentliche Präsentation eines Verstorbenen oder einzelner seiner Körperteile ist in vielen Kulturen Brauch, beispielsweise in Zusammenhang mit Totenfesten.)

Der Afrikaner Angelo Solimann war zu seinen Lebzeiten gut in der österreichischen Gesellschaft integriert. Nach seinem Tod wurde er in einer tropischen Waldlandschaft als "hochfürstlicher Mohr" ausgestellt. Ob er diesem Schicksal zugestimmt hatte, ist bis heute fraglich. Von Gottfried Haid based on an artwork by Johann Nepomuk Steiner ([1]) [Public domain], via Wikimedia Commons
Der Afrikaner Angelo Solimann war zu seinen Lebzeiten gut in der österreichischen Gesellschaft integriert. Nach seinem Tod wurde er in einer tropischen Waldlandschaft als „hochfürstlicher Mohr“ ausgestellt, was durchaus als eine Form der rassistischen Präsentation gedeutet werden kann. Ob er diesem Schicksal zugestimmt hatte, ist bis heute fraglich. Fakt ist jedoch, dass seine Tochter vergeblich seine mumifizierte Körperhülle zurückforderte. 1848 verbrannte das „Ausstellungsstück“ während des Wiener Oktoberaufstandes. Von Gottfried Haid based on an artwork by Johann Nepomuk Steiner ([1]) [Public domain], via Wikimedia Commons

Aber wem gehört nun was und wann bedarf es einer Wiedergutmachung?

Klare Regelungen gibt es dafür bislang nicht. Aber es gibt eine Art Leitfaden, an die sich die Museen halten können und auch sollten. Darin geht es zur Beantwortung der obenstehenden Fragen zunächst einmal um weitere gestellte Fragen über den betreffenden menschlichen Überrest in einer x-beliebigen Sammlung:

  • Wie ist die Dokumentationslage?
  • Wie waren die Umstände bei einer evt. Öffnung des Grabes?
  • Wurde der indigenen Bevölkerung und ihrer Kultur Respekt von den westlichen Sammlern/Forschern gezeigt oder hat man ihre Wünsche missachtet?
  • Gab es Widerstand und wurde dieser missachtet/wurden dabei Menschen getötet?
  • Gab es eine Zusammenarbeit mit der indigenen Bevölkerung?
  • War diese Zusammenarbeit von gegenseitigem (kulturellem) Missverständnis geprägt?
  • Inwiefern handelt es sich bei den Sammlungsstücken um Überreste einer rassistischen Präsentation?

Doch das ist noch längst nicht alles. Denn es geht darüber hinaus auch um die Aufklärung der sozialen, religiösen und wissenschaftshistorischen Bedeutung dieser menschlichen Überreste. Dabei spielen beispielsweise Ahnenkult, Kolonialgeschichte und wissenschaftliche Bedeutung eine Rolle.

Fest steht, dass zum momentanen Zeitpunkt ein enormer Aufklärungsbedarf besteht.

Die Zukunft wird zeigen, ob dieser von Erfolg gekrönt sein wird.

Ich für meinen Teil bin diesbezüglich sehr zuversichtlich und freue mich über jedes Zeichen der Bewegung in diesem Bereich.


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