Ein Kabinett voller Kuriositäten. Johann Georg Hainz (etwa 1630-etwa 1700) [Public domain], via Wikimedia Commons

readTicker (2.3): Reliquien – Raritäten – Kuriositäten

Gelesen wird: Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen, Hg. Deutscher Museumsbund e.V. (2013)


Geschichte und Probleme des Sammelns menschlicher Überreste

Gründe für das Sammeln menschlicher Überreste gibt es viele. Je nach Kultur können diese sich erheblich von einander unterscheiden. Und so sammeln die Einen ihre Ahnen, die Anderen ihre Feinde und die Dritten religiöse Persönlichkeiten oder eben das, was von diesen noch übrig geblieben ist. Allen Kulturen gemein ist lediglich die Zusprechung von einer gewissen Macht oder Spiritualität des Gesammelten.

Wo liegt der Ursprung in Europa?

In unserem Kulturkreis trug vor allem das Christentum maßgeblich an der Entwicklung eines Sammelkults menschlicher Überreste bei, denn es entwickelte sich eine besondere Verehrung der Märtyrer, die man zu Heiligen sprach. Besonders ihren Schädeln und Skeletten, aber auch den Haaren, Nägeln oder gar dem Blut dieser Verstorbenen sprach man eine besondere Spiritualität zu, die ab dem Frühmittelalter (ca. 500 AD) in Form von Wunderberichten festgehalten wurden. Aufbewahrt wurden diese hauptsächlich in Sakralbauten – ein öffentlicher Zugang war dadurch oftmals gegeben.

 Der Katakombenheilige Pankratius aus Wil (SG), Schweiz. Aufgenommen an einer Ausstellung im Historischen Museum St. Gallen: Fürstabtei St. Gallen – Untergang und Erbe Ausstellung aus Anlass der Aufhebung der Fürstabtei St. Gallen vor 200 Jahren. Von Dbu (Eigenes Werk) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC BY 2.5], via Wikimedia Commons
Der Katakombenheilige Pankratius aus Wil (SG), Schweiz. Aufgenommen an einer Ausstellung im Historischen Museum St. Gallen: Fürstabtei St. Gallen – Untergang und Erbe Ausstellung aus Anlass der Aufhebung der Fürstabtei St. Gallen vor 200 Jahren. Von Dbu (Eigenes Werk) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC BY 2.5], via Wikimedia Commons

Ab dem 11. Jahrhundert entstanden neben derartigen Reliquiensammlungen die ersten Beinhäuser (Ossuarien), in denen jene Gebeine ihre letzte Ruhe fanden, die auf überfüllten Friedhöfen ihren Platz räumen mussten. Auch Baumaßnahmen konnten der Grund für diese Verlegungen sein. Bis heute sind viele Ossuarien noch immer öffentlich zugänglich. Weder ihre noch die Aufbewahrung menschlicher Überreste in sakralen Gebäuden wird in unserem Kulturkreis ethisch diskutiert, da der Zweck ihrer Ausstellung in Verbindung mit Andacht und Besinnung gesehen wird. Demzufolge gelten geweihte Orte als würdige Ruhestätten für menschliche Überreste, ganz gleich, ob sich diese in einem Sarg befinden, oder ob aus ihnen ein Wandschmuck erschaffen wurde.

I, Parpan05 [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC BY-SA 2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons
I, Parpan05 [GFDL, CC-BY-SA-3.0 oder CC BY-SA 2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Vom Verehren zum Lehren

Ab dem 14. Jahrhundert fanden Gebeine Verstorbener zunehmend Platz in einer Welt, fernab jeglicher religiöser Komponente – den sogenannten Wunder- und Kunstkammern. Gemeinsam mit Kunstwerken, Artefakten und Naturalien dienten diese zunächst der Darstellung der komisch-göttlichen Weltordnung. Neben menschlichen Skeletten fanden nun auch konservierte Organe und Embryonen Einzug in derartige Sammlungen und ihre Bedeutung für Studien- und Lehrzwecke ließ nicht lange auf sich warten. Über die Jahre sollten sich hieraus die ersten Naturkundesammlungen entwickeln, die später zu Museen wurden.

Treibender Faktor war hier vor allem die Entwicklung innerhalb der Medizin, denn ab dem 15. Jahrhundert hielt die Obduktion zum Studium der Anatomie Einzug in diese Wissenschaft. Fortan entstanden die sogenannten anatomischen Theater, in denen anhand von Trocken- und Feuchtpräparaten geforscht und öffentlich aufgeklärt wurde. Nicht selten entstanden hieraus universitäre Sammlungen, die sich besonders intensiv den menschlichen Überresten widmeten. Den Höhepunkt dieser Sammlungskultur bildet die 23.000 Präparate umfassende Sammlung des Berliner Pathologen Rudolf Virchow, der er 1899 mit dem Pathologischen Museum (heute »Berliner Medizinhistorische Museum der Charité« genannt) ein Denkmal setzte.

Kolonialisierung, und dann?

Ab dem 17. Jahrhundert begann jedoch ein gänzlich anderer Wind in der Sammlungswelt zu wehen. Europa breitete sich aus, und damit auch das Einzugsgebiet für menschliche Überreste. Aus einem regionalen Ursprung wurde schnell ein außereuropäischer – der »primitive Wilde« war jetzt hoch begehrt.

Der Afrikaner Angelo Solimann war zu seinen Lebzeiten gut in der österreichischen Gesellschaft integriert. Nach seinem Tod wurde er in einer tropischen Waldlandschaft als "hochfürstlicher Mohr" ausgestellt. Ob er diesem Schicksal zugestimmt hatte, ist bis heute fraglich. Von Gottfried Haid based on an artwork by Johann Nepomuk Steiner ([1]) [Public domain], via Wikimedia Commons
Der Afrikaner Angelo Solimann war zu seinen Lebzeiten gut in der österreichischen Gesellschaft integriert. Nach seinem Tod wurde er, kaum bekleidet, in einer tropischen Waldlandschaft als „hochfürstlicher Mohr“ ausgestellt. Ob er diesem Schicksal zugestimmt hatte, ist bis heute fraglich. Von Gottfried Haid based on an artwork by Johann Nepomuk Steiner ([1]) [Public domain], via Wikimedia Commons

Bald darauf erschienen Darwins Evolutionstheorien und die Sichtweise auf die Evolution des Menschen begann sich grundlegend zu ändern. Erste Vergleiche zwischen modernen Menschen sowie mit Affen und prähistorischen Vorfahren fanden statt – die Wissenschaft der physischen Anthropologie war geboren – die Zeit der Vermessung von Schädeln und Knochen zur Zuordnung der biologischen Abstammung hatte begonnen.

Das Miteinbeziehen von menschlichen Überresten aus den Kolonien ermöglichte Untersuchungen, die durch das Einteilen nach Haarfarbe und Schädelform miteinander verglichen und in sogenannte Rassen gruppiert wurden. Die Auffassung des primitiven Wilden als Repräsentant eines früheren evolutionären Stadiums entstand und es galt in Sammlerkreisen möglichst viele verschiedene reinrassige Exemplare zu bekommen. Dafür gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts sogar klar definierte Kriterien.

Der Mensch als Handels- und Forschungsmaterial

Wer außereuropäische Objekte sammelte, hatte gute Aussichten auf ein höheres gesellschaftliches oder auch wissenschaftliches Ansehen. Privatpersonen, Museen und Sammlungen interessierten sich in einem hohen Maße für indigene Kunst- und Kulturgüter und auch die Beschaffung von Vermessungsdaten oder gar von menschlichen Überresten spielte eine große Rolle.

Der schwedische Histologe Gustaf Retzius mit Schädelmessgerät neben einem Samen ca. 1870 - 1890. von Unbekannt [Public domain], via Wikimedia Commons
Der schwedische Histologe Gustaf Retzius mit Schädelmessgerät neben einem Samen ca. 1870 – 1890. von Unbekannt [Public domain], via Wikimedia Commons

Es wurde geschenkt, gekauft und getauscht. Auf den rechtmäßigen Erwerb musste stets geachtet werden. Aber was bedeutet rechtmäßig, wenn das Objekt der Begierde vom Menschen zum Forschungsmaterial degradiert wird? Was für den Einen rechtmäßig ist, kann für den Anderen durchaus gegen seinen eigenen Willen geschehen. Und so wird diese Zeit und die aus dieser stammenden Sammlerstücke zu einem brisanten Thema.

Willigten die Betroffenen oder deren Angehörige ein?

Wurde diese Einwilligung vielleicht schlichtweg bezahlt oder unter Druck erworben?

Wie sind Schrumpfköpfe oder die Gebeine von Kriegsgefangenen, Sklaven und Feinden einzustufen?

Inwiefern sind wir heute im Besitz einer lückenfreien Dokumentation über den Erwerb und was tun, wenn diese aufgrund von verheerenden Kriegsschäden der neueren Geschichte zerstört wurden?

Und wie verhält es sich, wenn die menschlichen Überreste nicht durch Tauschhandel oder Erwerb, sondern durch eine archäologische Ausgrabung Einzug in die Sammlung erhalten haben? Eine ethisch-moralische Diskussion zu Umgang und Präsentation ist angebracht, wird aber dennoch bis heute kaum geführt. Denn die Ausstellung von Mumien, Moorleichen und Knochen prähistorischer Menschen als Zeugnis der Menschheitsgeschichte wird von der Öffentlichkeit weitestgehend akzeptiert.

Dennoch müssen sich die Museen und Sammlungen von heute eben diese und viele weitere Fragen stellen.

Und die Museumsbesucher?


Diese Themen bieten genügend Stoff für ein ganzes Buch. Da es hier lediglich um den readTicker geht, habe ich ledigich jene Problematiken aufgenommen, die mir als die gravierendsten erscheinen. Vieles wurde nicht gesagt und es gibt hier viel Potenzial für Diskussionen.

Wie denkt Ihr darüber?


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