Lohnt sich ein Besuch der Homosexualität_en-Ausstellung in Berlin?

Diese Frage habe ich mir gestellt, seitdem ich Anfang des Jahres darauf aufmerksam geworden war. Was sollte ich mir darunter eigentlich genau vorstellen? Ich wusste es nicht. Und auch das bald darauf veröffentlichte Ausstellungs-Plakat gab mir zunächst wenig Aufschluss darüber, was mich bei einem Besuch erwarten würde.

Nun war ich dort. Zumindest in der einen Hälfte des Kooperationsprojekts zwischen dem Deutschen Historischen Museum und dem Schwulen Museum. Und mir ist klar: Ich habe damals schlichtweg nicht ordentlich hingesehen. Denn es ist in dem Motiv, wie auch in dem Ausstellungstitel, bereits alles gegeben.

Advertisement: Homage to Benglis, part of the larger body of work CUTS: A Traditional Sculpture, 2011 A six month durational performance Image courtesy of Heather Cassils and Ronald Feldman Fine Arts © Heather Cassils and Robin Black 2011
Ausstellungs-Plakat der Sonderausstellung Homosexualität_en in Berlin. Advertisement: Homage to Benglis, part of the larger body of work CUTS: A Traditional Sculpture, 2011
A six month durational performance
Image courtesy of Heather Cassils and Ronald Feldman Fine Arts
© Heather Cassils and Robin Black 2011

Zu sehen ist der Idealkörper eines Mannes, in dem gleichzeitig das Gegenteil zu finden ist. Insbesondere der knallrote Lippenstift irritiert und interessiert, je nachdem, wie man das Motiv sieht oder sehen will. Darüber schwebt ein Hauch der Uneindeutigkeit und es ist letztlich diese, aber auch die Akzeptanz derselben, um die es bei der Ausstellung geht.

Welchen Bereichen unserer Kultur-(Geschichte) begegnen wir für gewöhnlich nicht im musealen Raum?

Stellen wir uns vor lauter Exponaten überhaupt noch diese Frage? Eine Antwort ergibt sich manchmal erst, wenn wir mit dem konfrontiert werden, was bislang fehlte. Als ich den Sonderausstellungsbereich des Deutschen Historischen Museums betrat, war mir sofort klar, wie viel das tatsächlich ist. Dabei befasst sich die Ausstellung „nur“ mit dem Thema und den Aspekten homosexueller Identitäten.

Da es wie bereits erwähnt eine Doppelausstellung ist, rechnete ich mit einem verhältnismäßig kleinen Ausstellungsbereich. Doch darin sollte ich mich zu meiner großen Überraschung und Freude getäuscht haben. Denn die Ausstellung erstreckt sich über zwei Stockwerke auf denen es um Vieles geht. Dazu zählen neben dem Thema der Diskriminierung Homosexueller durch Staat, Gesellschaft und Kirche beispielsweise auch die Gleichberechtigung und Emanzipation.

Unbekannt: Soldatenfreundschaft, ca. 1913 Sepia Fotografie © Schwules Museum*, Berlin
Eine umfassende Sammlung von Fotografien zeigt die Darstellung des Männlichen und Weiblichen, gibt aber auch private Einblicke. Unbekannt: Soldatenfreundschaft, ca. 1913
Sepia Fotografie
© Schwules Museum*, Berlin

Vor allem aber findet die Komplexität geschlechtlicher Identitäten hier einen Platz und es wird deutlich, dass es im Leben vieler Menschen um mehr geht, als die Frage nach einer geschlechtlichen oder auch sexuellen Orientierung.

Goodyn Green: Aus der Serie Women, 2011–2012 C-print (digital), 30 x 30 cm © Goodyn Green
Goodyn Green: Aus der Serie Women, 2011–2012
C-print (digital), 30 x 30 cm
© Goodyn Green

Es tut sich was!

Sowohl das Ausstellungsthema an sich, als auch die Umsetzung bzw. die Konzeption im Ausstellungsbereich haben mir gezeigt, dass sich die Museumswelt im Wandel befindet. Und wer mich kennt, weiß, wie sehr ich das begrüße.

Anstelle einer chronologischen Abfolge treten zehn Kapitel, die den Besucher immer wieder neu und auf eine gänzlich individuelle Weise ansprechen und persönliche Erfahrungen wie das Coming-Out bekommen Raum – sorgen für eine durchaus private und weniger belehrende Atmosphäre.

Wer hierher kommt, wird nicht möglichst schnell durch die Ausstellung getrieben. Es geht um das individuelle Auseinandersetzen mit den vielseitigsten Themen, um Nachhaltigkeit und die Hinterfragung von seinen eigenen Ansichten oder den oftmals unausgesprochenen gesellschaftlichen Konzepten, die uns alltäglich umgehen. Selten habe ich mich so lange in einer Sonderausstellung aufgehalten wie am gestrigen Tag. Und ebenso selten war ich derart positiv überrascht, dass ich sogar einen weiteren Besuch in Erwägung ziehe.


Weitere Informationen zu dieser Sonderausstellung:

Wann?Wo?ÖffnungszeitenKostenSonstiges

Zu sehen vom 26.6.2015 – 01.12.2015

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin

Schwules Museum, Lützowstraße 73, 10785 Berlin

Deutsches Historisches Museum: Täglich 10 – 18 Uhr, geschlossen 24. Dezember

Schwules Museum: Mo, Mi, Fr, So 14 bis 18 Uhr, Do 14 bis 20 Uhr, Sa 14 bis 19 Uhr, Di geschlossen

 

Deutsches Museum: Eintritt bis 18 Jahre frei, Erw. 8 €, ermäßigt 4 €

Schwules Museum: Bis 16 Jahre freier Eintritt. Erw. 7,50 Euro/ ermäßigt 4,50 Euro

Hier gibt es den Flyer zur Ausstellung.

Die Projektbeschreibung »Geschichte der Homosexualität(en) -Deutsches Historisches Museum und Schwules Museum Berlin«  der Kulturstiftung des Bundes

Der Beitrag »Ausstellungsprojekt: „Homosexualität_en« bei Berlinonline.de


Siehe auch: Stellen wir Kunstwerke falsch aus?