»The Eyes of War«: Was bleibt, ist die Dunkelheit

Es sind Augenblicke – kürzer als ein Wimpernschlag – die alles im Leben verändern können. Selten wird einem diese Tatsache so bewusst wie in der Sonderausstellung »The Eyes of War«, die momentan im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt wird. Auf den ersten Blick scheint alles noch neutral. Schwarz-weiß Porträts von insgesamt 40 Personen erwarten die Besucher – ein jedes auf seiner eigenen, im Raum stehenden Säule. Erst beim näheren Betrachten wird deutlich, dass hier alles anders ist, als es zunächst scheint.

 »Unkraut vergeht nicht« – das Augenlicht schon

Im Raum ist es still, das Licht gedämpft und die Aufmerksamkeit richtet sich augenblicklich auf die Gesichter der Unbekannten, die einen anzublicken scheinen. Erst beim Herantreten fällt der Blick auf den danebenstehenden Text. Durch ihn bekommt das unbekannte Gesicht zunächst einen Namen, dann ein dazugehöriges Schicksal und man selbst steht plötzlich vor einem ganz anderen Porträt. Denn in der Kürze eines Augenblicks steht fest – diese Augen blicken, aber sie sehen nicht.

Dahinter verbergen sich Unfälle und Schicksale wie das von der Niederländerin Edith van der Meulen, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges auf die Warnungen ihrer Mutter vor einem Parkspaziergang entgegnete, dass Unkraut nicht vergehe. Kurze Zeit später verlor sie durch eine deutsche Splitterbombe nicht nur ihre Freundin Hanneke, sondern auch ihr Augenlicht.

Allem voran die Freude

Die Schicksale hinter den Porträts schockieren, denn sie zeigen ganz unmissverständlich, wie schnell sich alles im Leben ändern kann – unabhängig vom Alter, dem Beruf oder dem Ort, an dem man sich gerade aufhält. Ja sogar unabhängig davon, ob es Krieg ist oder nicht, denn Blindgänger fordern auch Jahre nach dem Krieg noch ihre Opfer. Die Ausstellung zeigt Menschen, die resignierten, die hart sind zu sich selbst oder gar glauben, sie hätten ein solches Schicksal verdient. Allem voran aber wird gezeigt, wie belastbar und anpassungsfähig wir Menschen sind. Ein Großteil der Porträtierten blickt auf ein Leben zurück, das gesegnet ist von Familie, Kindern und einem erfüllenden Beruf. Sie haben entgegen aller Schicksalsschläge die Freude am Leben beibehalten und geben dadurch ein bewundernswertes Beispiel ab. Sehen können, das wünschen sich viele von ihnen nun für ein paar Sekunden und das aus einem einzigen Grund – um einmal in die Gesichter ihrer Kinder blicken zu können.

Offen für alle

Das Herausragende an dieser Ausstellung sind aber letztendlich nicht die Fotografien selbst, sondern die Offenheit gegenüber Menschen mit Behinderungen. Auch Blinde sollen sehen dürfen, und das bestmöglich. Dazu gibt es nicht nur einen Audioguide, sondern auch ein Ringbuch mit Braille-Schrift und einen Tastgrundriss, der sich direkt am Eingang zur Ausstellung befindet. Darüber hinaus verlaufen am Boden dunkle Linien, die den Sehenden auf den ersten Blick lediglich als Deko erscheinen mögen. Tatsächlich aber handelt es sich um ein ausgeklügeltes taktiles Leitsystem, das die Orientierung für Blinde und Seebehinderte unterstützt.

Es ist nicht zu übersehen, dass diese Ausstellung Wert darauf legt, dass Blinde nicht anders sind als Sehende. Eine Botschaft, die viel zu selten in unseren Museen vermittelt wird und die hoffentlich in naher Zukunft zunehmen wird.

An dieser Stelle noch ein Hinweis für jene mit einem Interesse am »Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung«. Am 3. Dezember 2014 wird um 11:00 Uhr ein Ausstellungsrundgang mit einer anschließenden Diskussionsrunde zum Thema »Inklusives Museum« stattfinden.

Vor einem Besuch der Ausstellung mit Kindern sollten Sie wissen, dass einige der Bilder sehr drastisch wirken können. Vielleicht informieren Sie sich im Vorfeld darüber, was Sie zu erwarten haben. Sie als Eltern können am besten entscheiden, inwiefern die Ausstellung für ihr Kind/ihre Kinder zumutbar ist.


Weitere Informationen zu dieser Sonderausstellung:

Wann?Wo?ÖffnungszeitenKostenSonstiges

Beendet!

Ein Besuch im Deutschen Historischen Museum lohnt sich zu jeder Zeit!!!

Deutsches Historisches Museum Berlin, Unter den Linden 2, 10117 Berlin

Tel. Dauerausstellung: +49 30 20304-751

Tel. Sonderausstellungen: +49 30 20304-750

Barrierefreier Zugang

Hinweise zur Erreichbarkeit:

S-Bahn:

Hackescher Markt und Friedrichstraße

U-Bahn:

Französische Straße, Friedrichstraße und Hausvogteiplatz

Buslinien:

100, 200, TXL Staatsoper oder Lustgarten

Täglich 10 – 18 Uhr
Geschlossen am 24. Dezember

Erwachsene: 8 €

Ermäßigt: 4 €

Eintritt bis 18 Jahre frei!

Hier geht es zur Homepage des Deutschen Historischen Museums.

Die Beschreibung zur Sonderausstellung ist hier nachzulesen.

Für jene, die sich tiefgründiger mit dieser Thematik auseinandersetzen wollen, seien es Betroffene, Angehörige oder einfach nur Interessierte, lohnt sich ein Besuch beim Bund der Kriegsblinden.

Weitere Informationen zum Fotografen (Martin Roemers) gibt es hier.


 

Quellverweis – Beitragsbild:

Edith van der Meulen (Niederlande, 1931)
© Martin Roemers, Delft