Das Berlin von 1964 mit den Augen eines 12-Jährigen sehen

Kinder sehen die Welt mit anderen Augen. Sind wir erst einmal erwachsen, schwindet diese Gabe und kehrt nicht mehr zurück. Umso schöner also, wenn das Erlebte noch in jungen Jahren aufgeschrieben und im Erwachsenenalter aufgearbeitet wird!

Hans-Josef Ortheil’s „Die Berlinreise: Ein Reisetagebuch im Frühjahr 1964“ ist ein solches Werk. Wie wunderbar für den Leser, die deutsche Hauptstadt in der Vergangenheit bereisen zu können; und wie bezaubernd, das Erlebte mit oder eher durch die Augen eines 12-Jährigen zu sehen. Gerade für jemanden wie mich, der die Zeit der deutsch-deutschen Teilung nur aus den Erzählungen der Elterngeneration kennt, ist dies eine unvergleichbare Möglichkeit. Denn auch wenn die heutige Fülle an Informationen durchaus in der Lage ist, eine Vorstellung von der damaligen Situation zu kreieren, so bleibt diese für immer eine Fantasie.

Die nüchternen Worte eines Kindes aber vermögen es, ein Bild zu zeichnen, das nicht einmal ein Foto projizieren kann. Während ich die Zeilen lese, spiegeln diese keine Erinnerung wieder und sie entspringen auch nicht der Fantasie eines erwachsenen Autors, der versucht sich in die Sicht eines Kindes hineinzuversetzen. Es ist viel mehr so, als sei ich selbst gerade dort. In diesem einen Moment, in dem auch der kleine Berlinbesucher seine Notizen zu dem Gesehenen aufschreibt. Und es gelingt mir kaum, dieses Buch beiseitezulegen, um zwischendurch etwas anderes zu erledigen. Also lese ich weiter, bis ich völlig unerwartet auf der letzten Seite angekommen bin – etwas traurig darüber, dass die Reise nun zu Ende ist.


 

Hans-Josef Ortheil: Die Berlinreise. Ein Reisetagebuch im Frühjahr 1964 (2014 München, Luchterhand Literaturverlag)