Die Etrusker bestatteten ihre Toten je nach Epoche und Region auf unterschiedlichste Weise auf ihren Nekropolen. Eines der beeindruckendsten dieser Gräberfelder ist unweit der Stadt Cerveteri zu finden.

Cerveteri: Stadt der Toten

Wohin wir gehen, wenn wir sterben, richtet sich danach, woran wir glauben. Persönlich hat mich bislang kaum eine Vorstellung derart fasziniert und berührt wie jene der Etrusker – einem antiken Volk, das seit dem 9. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung im heutigen Zentralitalien lebte, bis es letztlich vom antiken Rom absorbiert wurde. Zwar machten die Römer den Versuch die Erinnerung an ihre nördlichen Nachbarn zu löschen, indem sie deren Holz- und Tonbauten zerstörten. Geblieben ist das Andenken an die Etrusker jedoch bis heute und das auf eine eindrucksvolle Weise.

Wenn Gräber zu sprechen beginnen

Eine der bedeutendsten etruskischen Hinterlassenschaften ist die sogenannte Banditaccia-Nekropole bei Cerveteri, ein förmlich nicht enden wollendes Gräberfeld, das sich aus Tausenden von Hügelgräbern (Tumuli), Grabkammern und Urnengräbern zusammensetzt, die gemeinsam eine regelrechte Stadt der Toten bilden. Bis heute ist die genaue Anzahl der Gräber auf dieser Anlage unbekannt und ihr Schutz ein riesiges Problem, denn neben den Archäologen zieht es vor allem nachts Grabräuber hierher. »Tombarolo« werden sie genannt. Ihr Ziel sind die wertvollen Grabbeigaben in den unterirdischen Ruhestätten, vornehmlich der einstigen etruskischen Oberschicht. Doch selbst geplünderte Gräber erzählen uns mehr, als vielleicht gedacht und glücklicher Weise taucht so mancher gestohlener Gegenstand nach langer und mühsamer Suche wieder auf. (So lieferte beispielsweise erst kürzlich die Schweiz Hunderte von etruskischen Artefakten an Italien zurück, die von Raubgrabungen stammten.)

Allein das Ausmaß der Banditaccia-Nekropole macht deutlich, dass es sich hier um den Friedhof einer gewaltigen Stadt handeln muss. Tatsächlich weiß man heute, dass das antike Cerveteri (damals Caere genannt) etwa 15 Mal so groß gewesen ist, wie die heutige Stadt. Und wenn auch heute keine der städtischen Gebäude mehr stehen, so erzählt die Stadt der Toten erstaunlich viel über das Leben der Menschen von damals.

Gräber mit Reihenhauscharakter. Diese Grabform wird von Archäologen als Zeichen der aufsteigenden Mittelschicht angesehen, die sich zwar keine runden Tumuli leisten konnte, dafür aber diese eckige Variante davon.

Von Holz zu Tuff

Wie also lebten die Etrusker in Cerveteri? Erste Hinweise geben bereits die Grabbauten selbst, denn viele von ihnen entsprechen auch nach heutigen Standards dem Grundgerüst eines Hauses. Wie kleine Reihenhäuser stehen sie da, die geradezu sonderbar wirkenden Gräber, mit ihren dunklen Türöffnungen. Dazwischen ziehen sich schmale Gassen durch die gesamte Anlage. Sie führen vorbei an den verschiedensten Grabformen und liegen oftmals im Schatten der hier wachsenden Vegetation. Immer wieder findet sich sogar ein offener Platz auf dem Gelände, ganz so, wie es bis heute in Städten der Fall ist.

Die Etrusker bestatteten ihre Toten je nach Epoche und Region auf unterschiedlichste Weise auf ihren Nekropolen. Eines der beeindruckendsten dieser Gräberfelder ist unweit der Stadt Cerveteri zu finden.

Anstelle der heute genutzten Grabsteine stehen mancherorts noch jene Markierungen, welche die Etrusker verwendeten, um zu zeigen, wer in den Gräbern lag. Dazu nutzten sie entweder einen Steinkegel (Phallus) als Symbol des Mannes oder aber ein Haus als Symbol der Frau. Da es sich oftmals um Familiengräber handelt, sind teilweise regelrechte Tuffplatten zu erkennen, auf denen abzusehen ist, wie viele Personen in den dazugehörigen Gräbern liegen und welchem Geschlecht sie angehören.

Sie fallen kaum auf, die kleinen Tuffplatten mit ihren Häuschen und Steinkegeln. Dabei spielen sie eine wichtige Rolle, dienen sie doch der Kennzeichnung, wie viele Personen hier begraben liegen und welchem Geschlecht sie angehören.

Während die Etrusker ihre eigentlichen Städte aus Holz oder Tuff errichteten, bauten sie hier in Cherveteri Gräber für die Ewigkeit. Besonders beeindruckend ist die Tatsache, dass ein Großteil der Anlage direkt in den Tuff geschlagen wurde. Interessanterweise taten die Etrusker es jedoch auf eine Weise, die einem Ziegel- oder Mauerbau bis zum Verwechseln gleicht. Erst bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass die großen Steine nicht übereinandergelegt wurden und dass es sich bei so manchem Tumulus um ein Bauwerk aus einem einzelnen Tuffstück handelt.

Im Inneren der Grabkammern

Dass sich die Etrusker bei der Konstruktion dieser Nekropole am Bau mit Holz und Ton orientierten, wird vor allem im Grabesinneren deutlich. Viele der Grabkammern sind heute begehbar und halten so manche Überraschung für die Besucher bereit. Meist führt eine Treppe hinunter in die dunklen Kammern, die sich offensichtlich kaum von Häusern unterscheiden. Denn auch sie scheinen über ein Dach zu verfügen, das von einer Balkenkonstruktion getragen wird (so zumindest sieht es aus, denn alles wurde wie gesagt in den Tuff gehauen). Während manche Gräber nur über eine einzelne Grabkammer verfügen, gleichen andere einer Mehrzimmerwohnung und nehmen bisweilen riesige Ausmaße an, in denen mehrere Generationen einer Familie ihre letzte Ruhe fanden.

Viele der Grabkammern zeigen deutliche Einflüsse aus der Baukunst mit Holz und Ton. Das sogenannte Reliefgrab gilt als das eindrucksvollste aller Gräber der Nekropole, denn hier sind in Stuck selbst kleinste Details des Hausrats wiedergegeben und es hat sich, trotz der feuchten Bedingungen, an einigen Stellen noch Farbe erhalten, die erahnen lässt, wie prunkvoll es hier einst ausgesehen haben muss. Im hinteren Bereich lassen sich zudem Betten mit Kissen erkennen, was verdeutlicht, worum es den Etruskern bei der Bestattung ihrer Angehörigen ging: Komfort im Leben nach dem Tod bzw. dem neuen zu Hause. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Lorenzo Soave, MUNUS Arts & Culture S. r. l.
Viele der Grabkammern zeigen deutliche Einflüsse aus der Baukunst mit Holz und Ton. Das sogenannte Reliefgrab gilt als das eindrucksvollste aller Gräber der Nekropole, denn hier sind in Stuck selbst kleinste Details des Hausrats wiedergegeben und es hat sich, trotz der feuchten Bedingungen, an einigen Stellen noch Farbe erhalten, die erahnen lässt, wie prunkvoll es hier einst ausgesehen haben muss. Im hinteren Bereich lassen sich zudem Betten mit Kissen erkennen, was verdeutlicht, worum es den Etruskern bei der Bestattung ihrer Angehörigen ging: Komfort im Leben nach dem Tod bzw. dem neuen zu Hause. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von MUNUS Arts & Culture S. r. l.

Von den Toten selbst ist heute nichts geblieben. Doch ihre Totenbetten stehen noch genauso da, wie vor Tausenden von Jahren. Nur, wer im Dunkel genau hinsieht, kann selbst die kleinsten Details erkennen. Dazu gehören beispielsweise in den Tuff gehauene Kissen, die den Kopf des Toten betten sollten. Dicht an dicht und im Kreise ihrer Liebsten lagen sie einst hier, die Bewohner einer der mächtigsten Städte Etruriens – eine Art der Bestattung, die bei uns heute in dieser Form nicht mehr bekannt oder auch möglich ist.

Um eine Idee davon zu bekommen, wie es damals in den heute nasskalten Grabkammern ausgesehen haben könnte, wurden in auserwählten Gräbern 3-D-Installationen integriert. Diese können im Laufe einer Führung erlebt werden, die ich persönlich wärmstens empfehle.

Licht im Dunkel bringt auf wundersame Weise eine räumliche Vorstellung zutage, die sich sehen lassen kann. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von MUNUS Arts & Culture S. r. l.
Licht im Dunkel bringt auf wundersame Weise eine räumliche Vorstellung zutage, die sich sehen lassen kann. Unterlegt mit englischer Sprache, erwacht so manches Grab in Cherveteri für einen kurzen Moment erneut zum Leben. Zu sehen sind Vorschläge dessen, wie es hier unten einst ausgesehen haben kann. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von MUNUS Arts & Culture S. r. l.

 

Fazit:

Ein Besuch in Cerveteri ist meiner Ansicht nach wärmstens zu empfehlen. Von Rom aus ist ein Tagesausflug problemlos möglich. Vor dem begehbaren Teil der Nekropole befindet sich ein riesiger, kostenfreier Parkplatz.

Zu beachten ist lediglich, dass alle Nekropolen eine Stunde vor Sonnenuntergang schließen. Der Besuch sollte also gut geplant sein, um am Ende nicht enttäuscht vor geschlossenen Toren zu stehen.

Und wer schon einmal hier ist, sollte einen Besuch im modernen Cerveteri und dem dortigen archäologischen Museum nicht verpassen. Es gibt kaum einen Ort, an dem sich derart in die Kultur und Geschichte dieses faszinierenden Volkes eintauchen lässt.


Weitere Details über einen Besuch in Cerveteri findet ihr hier.


Bislang erschienene Teile der Städtereihe

Kopenhagen: Stadt der Skulptur

Edinburgh: Stadt der Festivals

Cerveteri: Stadt der Toten

Berlin: Stadt der Spione

Haithabu: Stadt der Wikinger

Schreibe einen Kommentar