Auge in Auge(nhöhle) mit einem Serienmörder

Um Edinburgh ranken sich viele Geschichten. Eine der bekanntesten dürfte die über das Serienmörder-Duo Burke und Hare sein, die im frühen 19. Jahrhundert ihr Unwesen im Bezirk West-Port trieben. Ihre Taten waren ebenso grausam wie einfallsreich. Dafür bestraft wurde letztendlich nur einer der beiden. Bis heute kann man sein Skelett im Anatomiemuseum der Edinburgh University betrachten – einmal im Monat, wenn das eigentlich Studenten vorbehaltene Museum der Öffentlichkeit seine Türen öffnet.

 

von Unbekannt [Public domain], via Wikimedia Commons
Die Hinrichtung des William Burke war nicht mehr und nicht weniger als ein Massenspektakel. Um die 25.000 Menschen sollen dabei gewesen sein. Für die besten Plätze zahlten sie sogar Geld. Foto: Unbekannt [Public domain], via Wikimedia Commons

Ironie und Schicksal liegen manchmal näher beieinander als gedacht

Zu dieser oder einer ähnlichen Schlussfolgerung dürfte der Serienmörder William Burke vor seiner Hinrichtung am 28. Januar 1829 gekommen sein, denn wie so oft in der Geschichte Edinburghs, erfuhr auch er eine Strafe, die dem Maße seiner Taten in einer quasi äquivalenten Weise entsprechen sollte. Ebenso, wie seine Opfer, sollte er qualvoll ersticken und anschließend als Anatomieleiche auf dem Seziertisch der Edinburgh University landen.

Dazu präparierte man den Galgen so, dass das Genick nicht brechen würde. Eine Art doppelte Gerechtigkeit, wenn man so will, denn auf diese Weise kamen auch die vielen Schaulustigen auf ihre Kosten, die infolge der Überlieferung sogar Geld für die besten Plätze bezahlt haben sollen.

 

Vor einem Skelett zu stehen bringt immer die verschiedensten Gefühle mit sich. Zu wissen, dass die Person einst ein Serienmörder gewesen ist, macht das Zusammentreffen überaus bizarr. Foto: Kim Traynor (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Vor einem Skelett zu stehen bringt immer die verschiedensten Gefühle mit sich. Zu wissen, dass die Person einst ein Serienmörder gewesen ist, macht das Zusammentreffen überaus bizarr. Foto: Kim Traynor (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Serienmörder im ewigen Dienst der Anatomie

Bis heute wird das Skelett des William Burke im Anatomiemuseum der Edinburgh University ausgestellt und zu Lehrzwecken genutzt. Eine Art Lesesaal ist nun also Ort seiner letzten Ruhe – ein Schicksal, das ebenfalls von einer gewissen Ironie geprägt ist.

Die Nackenwirbel sind unversehrt und es besteht kein Zweifel, dass die Berichte über die möglichst langanhaltende Hinrichtung zutreffend sind. Der Mann, der einen nun mit leeren Augenhöhlen anzustarren scheint, starb einen qualvollen Tod und er bezahlt auch 187 Jahre nach seiner Hinrichtung noch für seine grausamen Taten – ausgestellt in einer Glasvitrine und für jedermann zu bestaunen.

Viele Gedanken kreisen einem durch den Kopf, während man ungläubig vor dem Skelett des William Burke steht. Was war er für ein Mensch und was trieb ihn zu seinen Taten? Die soziale Stellung oder eine schreckliche Kindheit? Vielleicht. Unter Umständen aber auch nicht. Was, wenn es am Ende nur das gute alte Geld gewesen ist? Ein Blick auf die Medizingeschichte zu seinen Lebenszeiten lässt dies zumindest vermuten. Denn im frühen 19. Jahrhundert war die Anatomielehre zum festen Bestandteil der anatomischen Lehre geworden – Leichen ein Objekt der Forschung und Bildung. Allerdings gab es aufgrund der stetig weniger verhängten Hinrichtungen in Großbritannien kaum „Material“, das zur Sezierung freigegeben war. Mit einem x-beliebigen Leichnam durfte eine Sezierung nämlich keineswegs vor Medizinstudenten durchgeführt werden.

Die Folgen zeigten sich schnell: Das Bodysnatching, der Leichendiebstahl aus Gräbern, stieg drastisch an und verbreitete Angst und Schrecken im ganzen Land. Für jene, die Geld benötigten, wurde der Verkauf von unversehrten und nicht identifizierbaren Leichen jedoch schnell zu einer überaus lukrativen Einnahmequelle.

 

Von gemeinsam bis einsam

Zwei Jahre vor seiner Hinrichtung bewohnte William Burke eine Herberge, die seinem Freund William Hare und dessen Frau Margaret gehörte. Als eines Tages ein älterer Bewohner an Altersschwäche starb und den Hares noch £ 4 Miete schuldete, offenbarte sich den beiden aus Irland stammenden Männern eine vollkommen unerwartete Gelegenheit: Das Vorhandensein einer unversehrten Leiche, die somit für anatomische Zwecke in Frage kam. Folglich wandten sie sich an den außeruniversitären Dr. Robert Knox, der stets Anatomieleichen für seine Vorlesungen benötigte. Er gab ihnen satte £ 7 für die Leiche des alten Mannes und eine Geschäftsidee war geboren: der Verkauf von Leichen an einen Wissenschaftler, der keine Fragen stellte.

Das Problem bei der Idee: Die Bewohner der Herberge starben nicht so häufig an Altersschwäche, wie Burke und Hare auf Geld angewiesen waren und der Leichendiebstahl auf Friedhöfen gestaltete sich zunehmend als schwierig. Also begannen sie nach einer Weile nachzuhelfen, wo es niemand bemerkte. Im Laufe eines Jahres entwickelte sich dadurch eine Masche, die sie immer und immer wieder anwandten. Zunächst machten sie ein Opfer aus, das niemand vermissen würde. Anschließend machten sie dieses in einem Pub betrunken und luden in die Herberge ein, wo sich Hare auf den Brustkorb des Opfers setzte, während Burke ihm mit einer Hand Mund und Nase zuhielt, bis der Erstickungstod eintrat.

L0019663 Burke and Hare suffocating Mrs Docherty for sale to Dr. Knox Credit: Wellcome Library, London. Wellcome Images images@wellcome.ac.uk http://wellcomeimages.org Burke and Hare suffocating Mrs Docherty for sale to Dr. Knox; satirizing Wellington and Peel extinguishing the Constitution for Catholic Emancipation. Coloured etching 1829 By: William HeathPublished: April 1829 Copyrighted work available under Creative Commons Attribution only licence CC BY 4.0 http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
L0019663 Burke and Hare suffocating Mrs Docherty for sale to Dr. Knox, Credit: Wellcome Library, London. Wellcome Images, images@wellcome.ac.uk, http://wellcomeimages.org
Burke and Hare suffocating Mrs Docherty for sale to Dr. Knox; satirizing Wellington and Peel extinguishing the Constitution for Catholic Emancipation. Coloured etching 1829 By: William HeathPublished: April 1829. Für den Autor, siehe [CC BY 4.0], via Wikimedia Commons

Neben älteren Menschen konzentrierten sich Burke und Hare hauptsächlich auf Frauen und Personen, die sie verhältnismäßig leicht überwältigen konnten. Mit der Zeit wurden sie jedoch nachlässig und so führte ihr 16tes und letztes Opfer, Mary Docherty, zu ihrer Aufdeckung, da diese vermisst und ihre Leiche später identifiziert wurde.

Um den Bewohnern der schottischen Hauptstadt eine Verurteilung garantieren zu können, wurde William Hare die Möglichkeit gegeben, gegen seinen Freund auszusagen. Ein Angebot, das er dankend annahm und wofür er letztlich Immunität erhielt.

 

Positive Folgen einer Mordserie

Der Großteil dessen, was heute über die Morde (auch West-Port-Morde genannt) bekannt ist, wurde von William Hare geschildert. Bereits zur damaligen Zeit geriet Dr. Robert Knox in Ungnade. Verurteilt wurde er allerdings nicht. Und so bezahlte nur derjenige mit seinem Leben, der angeblich auch der aktive Mörder unter dem Serienmörder-Team war: William Burke. Ob und inwiefern die Schilderungen Hares zutreffend sind, werden wir jedoch nie mit Sicherheit wissen.

Für einen ordentlichen Schrecken hatte er jedoch gesorgt und das tut er gewisser Maßen bis heute. Denn Spukgeschichten über den Geist des William Burke kursieren auch jetzt noch in den Straßen der Stadt.

Einzig positiv an der grausigen Sache: Die Ereignisse der West-Port-Morde machten deutlich, was eigentlich schon lange bekannt war. Die Medizin hatte sich derart gewandelt, dass vieles nicht mehr mit den Gesetzen vereinbar war oder sich Grauzonen bildeten. Und so führten sie unweigerlich zu einer Gesetzesänderung, die fortan Leichendiebstahl und Mord im Dienste der Anatomie verhindern sollte. Ab 1832 konnten deshalb ausschließlich Menschen mit Besitzansprüchen an einer Leiche, also die Angehörigen, einen Leichnam zur anatomischen Sezierung freigeben. Zudem mussten unbekannte Tote vorerst durch einen öffentlichen Gesundheitsdienst freigegeben werden, um überhaupt für die Anatomielehre in Betracht gezogen zu werden.

Seither hat sich viel verändert. Die schmalen Gassen der Altstadt Edinburghs verfügen zwar noch immer über eine gewisse Spukkraft, doch vor Kriminellen wie Burke und Hare muss sich hier niemand mehr fürchten. Unheimliche Gestalten mit blutverschmierten Schürzen entpuppen sich glücklicherweise als Tour Guides der Ghost Tours oder anderer Städteführungen. Und es bedarf nun sogar der persönlichen Einwilligung, wenn es um die Sezierung des Körpers zu Lehrzwecken geht. Selbst rachsüchtige Verwandte sind also in diesem Sinne die Hände gebunden.

William Burke's death mask and pocket book, Surgeons' Hall Museum, Edinburgh Foto: By Kim Traynor (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
William Burke’s death mask and pocket book, Surgeons‘ Hall Museum, Edinburgh Foto: By Kim Traynor (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Und die Moral von der Geschicht?

Einen Serienmörder entlässt man aus dem Dienst der Anatomie nicht!


Wissenswertes:

Das Skelett des William Burke befindet sich im Anatomical Museum der Edinburgh University, NICHT im Surgeon’s Hall Museum, welches ebenfalls ein Anatomiemuseum ist. Im Gegensatz zum Anatomiemuseum der Universität hat das Surgeon’s Hall Museum jedoch täglich geöffnet. Wer sich für William Burke und die West-Port-Morde interessiert, kann dort beispielsweise seine Totenmaske vorfinden.

Das Anatomiemuseum der Universität öffnet an jedem letzten Samstag des Monats seine Pforten. Der Eintritt ist kostenfrei und ein Besuch lohnt sich, auch wenn man sich nicht für das Serienmörderskelett interessieren sollte.