Appalachian Trail: Rain & Magic

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Am Morgen des nächsten Tages sieht die Welt knöcheltechnisch zum Glück schon wieder sehr viel besser aus. Die Schwellung ist zurückgegangen und Anja kann wieder ordentlich auftreten. Einer Wanderung steht nun also nichts mehr im Wege. Ein Blick aus dem Zelt lässt jedoch nichts Gutes verheißen, denn das Wetter lässt zu wünschen übrig. Auf dem Appalachian Trail hat der innere « Es-regnet-ich-mag-nicht-raus-Schweinehund» allerdings schlechte Karten. Und so heißt es: rein in die Klamotten und weiter geht’s.


Dieser Beitrag ist Teil der Reihe: Zwei Frauen, 3500 Kilometer, 14 Staaten, 180 Tage …

Plitsch, platsch durch den Matsch

Zugegeben: Eine Wanderung über die britischen Felder und Wiesen ist eine erheblich matschigere Angelegenheit als durch ein bewaldetes Gebiet in Georgia. Doch Dauerregen ist immer eine ziemliche Herausforderung, nicht nur für das Gemüt, sondern auch für den Körper. Und da hilft es auch nicht, dass man als Nordlicht bereits einiges an Wetter erlebt hat und davon gewissermaßen abgehärtet ist. Kalt, windig und nass – das sind und bleiben schlichtweg nicht die besten Voraussetzungen für einen schönen Tag.

Entmutigen lassen sich Anja und Nadine davon aber nicht. Auf der weiten Strecke bis nach Maine wird sie ohnehin noch der ein oder andere Tag mit schlechtem Wetter erwarten. Und mit dem Tagesziel der Blood Mountain Cabins haben sie wenigstens Aussicht auf eine trockene, vor Wind und Wetter geschützte, vor allem aber warme Nacht.

Der Weg führt sie über Stock und Stein und weiterhin im stetigen Auf und Ab von Gooch Mountain bis nach Woody Gap. Hier stoßen sie zum ersten Mal seitdem sie vor vier Tagen aufgebrochen sind auf einen Highway – den Highway 60, um genau zu sein – und auf einen großen Parkplatz auf dem sie ebenfalls zum ersten Mal der sogenannten «Trail Magic» begegnen.

Was ist Trail Magic?

Trail Magic ist wie Hygge, nur für unterwegs, wenn man so will. Es ist eine Herzlichkeit und ein unaufgezwungens, einfach überall wie aus aller Selbstverständlichkeit auftretendes Etwas, das den Thru-hikern auf den 3500 Kilometern immer wieder begegnet. Es ist die Person, die dir Pizza oder frittiertes Huhn und Getränke zu Hause kocht und an den Trail bringt, wenn du nach einer langen und harten Wanderung durch Wind und Wetter endlich angekommen bist. Oder aber die Person, die dich meilenweit bis zu dem nächsten Shelter bringt, damit du gut und sicher dort ankommst, wo du hin möchtest. Und all das ohne auch nur im Traum darüber nachzudenken, Geld dafür zu verlangen. Denn es ist eben eine absolute Selbstverständlichkeit und an Tagen wie diesem auch buchstäblich Gold wert.

Auszeit am Knackpunkt

Von Woody Gap bis zu den Blood Mountain Cabins bei Neels Gap sind es noch gute 10 Meilen über schwieriges und vor allem rutschiges Terrain. Das Angebot einer Frau, sie bis zu den Cabins fahren zu können, nehmen Anja und Nadine deshalb gerne an. Denn sie sind jetzt schon bis auf die Knochen durchnässt und durchgefroren, und der Schrecken mit dem Knöchel ist selbstverständlich noch in guter Erinnerung. Lieber nehmen sie in Kauf ein paar Meilen zu überspringen, als unnötig ein Risiko einzugehen, das mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Verletzung führen könnte.

In den Blood Mountain Cabins bekommen sie die sogenannte Deer Cabin zugeteil. Eine kleine aber feine Holzhütte die ihnen Schutz vor der Witterung bietet und eine wohlverdiente Auszeit ermöglicht. Zwei Tage werden sie nun hier bleiben, sich in der Gegend etwas umsehen und vor allem aussortieren. Die Rucksäcke müssen leichter werden. Ein Paket wird deshalb fertig gemacht und voraus geschickt.

Neels Gap ist ohnehin ein besonderer Ort. Es ist der erste Scheitelpunkt entlang des Appalachian Trails, der Ort, an dem gute 20 % der selbsternannten Thru-hiker die Idee den Trail an einem Stück abzulaufen an den Nagel hängen – buchstäblich sogar, denn sie hängen ihre Schuhe in die Krone eines bestimmten Baumes vor Ort. Die Wanderschuhe von Anja und Nadine sind nicht darunter, keine Sorge.

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